{"id":943,"date":"2020-09-23T16:25:54","date_gmt":"2020-09-23T14:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/?p=943"},"modified":"2020-09-23T16:25:54","modified_gmt":"2020-09-23T14:25:54","slug":"recht-auf-gesundheit-erfahrungen-von-menschenrechtsverletzungen-ban-ying-e-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/de\/2020\/09\/23\/recht-auf-gesundheit-erfahrungen-von-menschenrechtsverletzungen-ban-ying-e-v\/","title":{"rendered":"Recht auf Gesundheit &#8211; Erfahrungen von Menschenrechtsverletzungen &#8211; Ban Ying e.V."},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-969\" src=\"https:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/files\/2020\/09\/Berichte-PPT-1.png\" alt=\"\" width=\"1413\" height=\"334\" srcset=\"https:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/files\/2020\/09\/Berichte-PPT-1.png 1413w, https:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/files\/2020\/09\/Berichte-PPT-1-300x71.png 300w, https:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/files\/2020\/09\/Berichte-PPT-1-1024x242.png 1024w, https:\/\/equalhealth4all.noblogs.org\/files\/2020\/09\/Berichte-PPT-1-768x182.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1413px) 100vw, 1413px\" \/><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h3><strong>Exemplarische Erfahrungen von Menschenrechtsverletzungen im Gesundheitswesen in Deutschland, zusammengetragen aus der Praxis von Ban Ying e.V.<\/strong><\/h3>\n<p align=\"justify\">Ban Ying e.V. ist Tr\u00e4ger einer Koordinations- und Fachberatungsstelle gegen Menschenhandel sowie einer Zufluchtswohnung f\u00fcr Betroffene von Menschenhandel. Als eines der \u00e4ltesten Berliner Frauenprojekte in diesem Bereich setzen wir uns f\u00fcr die Rechte von Migrantinnen, die Erfahrungen von Gewalt, Ausbeutung oder Menschenhandel gemacht haben, ein.<\/p>\n<p align=\"justify\">In der Koordinations- und Beratungsstelle von Ban Ying e.V. werden Migrantinnen* auf zwei Ebenen unterst\u00fctzt: die praktische Ebene der sozialarbeiterischen Beratung und Begleitung, und die theoretische Ebene mit einem wissenschaftlichen-, politischen- und Bildungsansatz.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Zufluchtswohnung von Ban Ying e.V. bietet einen anonymen Schutzraum haupts\u00e4chlich f\u00fcr Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind, sowie f\u00fcr Hausangestellte von Diplomat_innen. In der Wohnung arbeiten zwei Sozialarbeiterinnen und zwei fest angestellte Sprachmittlerinnen\/ kulturelle Mediatorinnen. F\u00fcr weitere Sprachen werden Sprachmittlerinnen auf Honorarbasis eingestellt. Im Fokus der Begleitung der Bewohnerinnen stehen ihre Anliegen und Bed\u00fcrfnisse. Die Bewohnerinnen werden darin unterst\u00fctzt ein m\u00f6glichst selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren und ihre rechtlichen Anspr\u00fcche durchzusetzen.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr das Permanent Peoples Tribunal 2020 in Berlin haben wir zwei Beispiele aus unserer Arbeit in der Fachberatungsstelle und in der Zufluchtswohnung zusammengestellt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">1.<br \/>\nAnfang Juli wurden wir informiert, dass Frau W., eine thail\u00e4ndische Frau, die seit ungef\u00e4hr f\u00fcnf Jahren in Deutschland wohnt, gegen ihren Willen in eine Psychiatrie in Th\u00fcringen eingesperrt wurde. Wir traten telefonisch in Kontakt mit Frau W., die uns erz\u00e4hlte, das sie mit einen deutschen Mann verheiratet ist, der gewaltt\u00e4tig ist. Er wollte sie schlagen und sie hat ein Messer geholt, um sich zu verteidigen. Daraufhin hat ihr Mann die Polizei angerufen und sie wurde in die Psychiatrie gebracht. Dazu gab es einen gerichtlichen Beschluss, der sich nur auf die Aussagen des Ehemanns st\u00fctzte. Sie erz\u00e4hlte uns, dass sie es in der Psychiatrie nicht aushalte, dass sie entlassen werden und zur\u00fcck nach Thailand fliegen will.<\/p>\n<p align=\"justify\">Frau W. spricht kaum Deutsch und wenig English, sie spricht ausschlie\u00dflich Thai flie\u00dfend. Dennoch war in der Psychiatrie kein*e Dolmetscher*in anwesend. Wir schickten eine Schweigepflichts-entbindung in die Psychiatrie, um mit ihrem behandelnden Arzt zu sprechen. Am Telefon erkl\u00e4rte der Arzt, dass er zwar mit Frau W. sprachlich nicht kommunizieren kann, aber mit ihrem Ehemann geredet h\u00e4tte. Er schildert uns die Diagnose, nach der Frau W. an Eifersuchtswahn, Anpassungsst\u00f6rung und Suizidalit\u00e4t leide. Als wir fragen, wie er eine Diagnose feststellen konnte, ohne mit Frau W. kommunizieren zu k\u00f6nnen, sagt der Arzt pl\u00f6tzlich, dass Frau W. in den n\u00e4chsten Tagen entlassen wird. Frau W. wurde tats\u00e4chlich zwei Tage sp\u00e4ter entlassen und flog ca. zwei Wochen sp\u00e4ter, wie sie es sich gew\u00fcnscht hat, nach Thailand.<\/p>\n<p align=\"justify\">Frau W.&#8217;s Menschenrechte wurden verletzt; eine Diagnose wurde hergestellt, obwohl der Arzt nicht mit ihr kommunizieren konnte und sie wurde mehrere Wochen in der Psychiatrie interniert. Um die Diagnose zu erstellen, hat sich der Arzt nur auf die Aussagen von Frau W.&#8217;s Ehemann verlassen. Wir vermuten, dass die Entlassung von Frau W. mit unseren Anrufen zu tun haben k\u00f6nnte. M\u00f6glicherweise hat der Druck von au\u00dfen und unsere Fragen zur Diagnosefeststellung ohne direkte Kommunikation und ohne Dolmetscher*in den Arzt verunsichert.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir sind in Kontakt mit Frau W. die jetzt in Thailand wohnt und sich w\u00fcnscht, dass ihre Geschichte beim Menschenrechtstribunal erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">2.<br \/>\nFrau Z. lebt seit einiger Zeit bereits in der Zufluchtswohnung von Ban Ying und ist schwanger. Sie kommt aus einem westafrikanischen Land und spricht muttersprachlich Englisch. Sie nimmt die Vorsorgeuntersuchungen in einer gyn\u00e4kologischen Praxis wahr.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Juni erhalten wir einen aufgebrachten Anruf. Frau Z. berichtet, dass sie sich den \u00dcberweisungsschein mit einer Freundin angeschaut h\u00e4tte, die ihr \u00fcbersetzt habe, dass dort diverse Diagnosen stehen wie psychische Belastung, soziale Belastung, Adipositas etc., die ihr nicht erkl\u00e4rt wurden und \u00fcber die mit ihr nicht gesprochen wurden. Sie sei sehr ver\u00e4rgert, denn sie solle etwas unterschreiben, was ihr nicht erkl\u00e4rt wurde und dass sie wisse, dass sie Fl\u00fcchtling sei, aber dass das einer wei\u00dfen Frau nicht passiert w\u00e4re. Ich versuche sie zu beruhigen, aber ihren \u00c4rger und ihre Angst ernst zu nehmen. Es ist v\u00f6llig unklar, warum diese Diagnosen auf dem \u00dcberweisungsschein stehen, obwohl es um eine humangenetische Abkl\u00e4rung geht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich biete an, dass ich das bei der gyn\u00e4kologischen Praxis kritisiere und nachfrage, welchen Zweck das haben soll, bitte sie aber auch, selbst nachzufragen und ihr Unverst\u00e4ndnis zum Ausdruck zu bringen. Ich sage ihr auch, dass es die M\u00f6glichkeit gibt, die Praxis zu wechseln, wenn sie sich unwohl und ungerecht behandelt f\u00fchle und kein Vertrauensverh\u00e4ltnis habe. Gleichzeitig pl\u00e4diere ich sehr daf\u00fcr, den Befund vor dem Hintergrund des ganzen \u00c4rgers nicht zu ignorieren und falsche Schl\u00fcsse zu ziehen, sondern im Interesse des Babys ernst zu nehmen. Damit kann Frau Z. erstmal leben, habe ich den Eindruck. Bei meinem Anruf, wird auf den n\u00e4chsten Vorsorgetermin verwiesen, den Frau Z. coronabedingt alleine wahrnehmen muss. Sie spricht den \u00dcberweisungsschein an und kann mit der Antwort auch leben, dass es sich um Routineeintragungen handle aufgrund der Krankenkasse.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Juli hat Frau Z. einen weiteren Termin bei ihrer Gyn\u00e4kologin. Sie ruft danach v\u00f6llig aufgel\u00f6st an und ist eine Mischung aus verzweifelt und w\u00fctend und ver\u00e4ngstigt. Ich biete ihr an zu kommen und treffe sie in der N\u00e4he der Praxis. Sie informiert mich, was heute passiert ist. Es gibt weiterhin eine bestimmte Schwangerschatfsdiagnose, weshalb Frau Z. Medikamente einnimmt. Da die Werte beim letzten Mal besser waren und nun wieder schlechter sind, fragte die \u00c4rztin, ob sie die Medikamente nehme. Frau Z. sagte, ja, so wie ihr aufgetragen wurde, trinke sie abends 2 davon. Daraufhin erkl\u00e4rte die \u00c4rztin, nein, sie h\u00e4tte sie vaginal einf\u00fchren sollen. Frau Z. verneint und beharrt darauf, dass ihr von der \u00c4rztin gesagt wurde, dass sie sie trinken solle. Die \u00c4rztin geht darauf nicht ein, sondern erkl\u00e4rt nun, dass es kein Problem sei, dass man es auch trinken k\u00f6nne und sie es auch weiter trinken k\u00f6nne, gibt ihr gleichzeitig neue Medikamente zur vaginalen Einnahme.<\/p>\n<p align=\"justify\">Frau Z. ist dadurch sehr verunsichert und f\u00fchlt sich f\u00fcr dumm verkauft, nicht ernst genommen und betrogen und macht sich gro\u00dfe Sorgen um das Baby. Sie m\u00f6chte mit mir zusammen die Sache kl\u00e4ren. Wir gehen also wieder zur Praxis und warten, bis die \u00c4rztin Zeit hat. Als es soweit ist, spricht die \u00c4rztin sofort mit mir deutsch und will am liebsten alles mit mir auf deutsch kl\u00e4ren. Es ist gleich am Anfang schon ihr erster Satz, dass wir beide uns ja auf deutsch unterhalten k\u00f6nnen. Ich lehne das nat\u00fcrlich ab und bleibe konsequent beim Englischen und weise sie darauf hin, dass ja Frau Z. kein Deutsch versteht und es deshalb \u00fcberhaupt keinen Sinn macht. Sie spricht dann zwar auf englisch, adressiert im weiteren Gespr\u00e4ch aber fast ausschlie\u00dflich mich und wechselt auch immer wieder kurz ins Deutsche.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sie erkl\u00e4rt mir, dass es auch f\u00fcr sie nicht leicht sei, das alles auf englisch zu erkl\u00e4ren, aber was nun eigentlich das Problem sei. Sie ist wenig emphatisch und wirkt sehr genervt von Frau Z. und davon, dass sie es wagt, Dinge in Frage und Forderungen zu stellen und sich \u201eerlaubt\u201c ver\u00e4rgert auf sie zu sein. Ich versuche zu erkl\u00e4ren, dass das ja nicht so au\u00dfergew\u00f6hnlich sei und von der Sorge um das Kind her r\u00fchrt. Aber sie stellt es so dar, als ob sie sowieso schon ganz viel Extraarbeit f\u00fcr Frau Z. mache, weil sie w\u00f6chentlich kommen k\u00f6nne (anstatt alle 2 oder 3 Wochen) und sie schon sehr viel wegen einer bestimmten Verdachtsdiagnose getan habe etc pp. Frau Z. stellt hinterher fest, dass es doch ihre Arbeit sei und sie nicht st\u00e4ndig verlangen k\u00f6nne, dass man dankbar sei, dass sie ihre Arbeit tue.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die \u00c4rztin ist an mehreren Stellen auch sehr bevormundend und weist Frau Z. sehr harsch darauf hin, das Telefon wegzulegen, obwohl diese nur einen eingehenden Anruf abgelehnt hat und dass sie das Telefon nicht auf ihren Scho\u00df legen solle, sondern in die Tasche stecken.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auf dem R\u00fcckweg reden Frau Z. und ich dar\u00fcber, wie und warum das alles so unangenehm war. Ich schlage Frau Z. vor, dass wir versuchen sollten die \u00c4rztin zu wechseln, weil sie dort nicht gest\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Nachgang m\u00fcssen wir aber feststellen, dass dies nicht m\u00f6glich ist, weil das neue Quartal gerade erst angebrochen ist und bereits bei der bestehenden \u00c4rztin abgerechnet wurde. Innerhalb dieses Quartals kann ein Wechsel nicht mehr erfolgen, weil eine neue Gyn\u00e4kologin f\u00fcr den gleichen Zeitraum nicht mehr mit der Krankenkasse abrechnen kann. Im n\u00e4chsten Quartal wird die Schwangerschaft allerdings schon beendet sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Weitere Informationen \u00fcber Ban Ying e.V. und seine Arbeit: <a href=\"https:\/\/www.ban-ying.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.ban-ying.de\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exemplarische Erfahrungen von Menschenrechtsverletzungen im Gesundheitswesen in Deutschland, zusammengetragen aus der Praxis von Ban Ying e.V. Ban Ying e.V. ist Tr\u00e4ger einer Koordinations- und Fachberatungsstelle gegen Menschenhandel sowie einer Zufluchtswohnung f\u00fcr Betroffene von Menschenhandel. 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